Hormone oder: „Gott, du verdammte taubstumme Kreatur“ (Marfaing, Leander sieht Maud)

Bemerkenswert an Nadia Marfaings Jugendroman „Leander und Maud“ (München: Knesebeck, 2014, 978-3-86873-752-3) ist für mich nicht die – psychologisch nicht ganz überzeugende – Handlung (die nach einem Unfall erblindete Maud wird von Leander umworben, gewinnt aber nur schwer neuen Lebensmut). Vielmehr handelt es sich um einen weiteren Text, der plötzlich, auf der Handlungsebene relativ unmotiviert, aber an einem erzählerischen Wendepunkt die Religions- resp. Gottesthematik einführt, ohne dass diese dann im weiteren Verlauf weiter entfaltet, eingeflochten oder sonstwie bearbeitet würde.

Leander hat Maud dafür gewonnen, im Schnee zu spielen. Die beiden bauen einen Schneemann, statten ihn aus – auch mit derben Utensilien, einer tief platzierten Banane – und geben ihm einen Namen.

„Das ist Gott“, sagt Maud, die ihm gar nicht zuhört, und zeigt auf den Schneemann. (Marfaing, Leander und Maud, 137)

Aus dieser Idee entwickelt sich ein kurzer Disput: ist Gott ein Mann, wie wäre diese Männlichkeit angemessen darzustellen (hier kommt die Banane ins Spiel)? Dann eine Erstarrung:

„Gott, warum bin ich blind?“

Mauds piepsige Stimme lässt ihn zusammenzucken. Ihr Tonfall klingt lächerlich.

„Gott, du verdammte taubstumme Kreatur, sag mir,  warum ich blind bin.“ (Marfaing, Leander und Maud, 138)

Mauds Erstarrung löst sich in einer Wutattacke gegen den Schneemann, bis dieser nur noch ein Haufen ist.

Wenig später liegen die beiden völig durchnässten Jugendlichen nackt nebeneinander im Bett, und Maud greift die Gottesfrage noch einmal auf.

„Glaubst du an Gott?“, fragt sie.

„Nein, das war bei uns nie ein Thema. Für mich stellt sich diese Frage nicht. …

„Da hast du Glück gehabt, ich musste den Katechismus auswendig lernen und war im Gottesdienst. Das macht alles nur noch komplizierter.“ (Marfaing, Leander sieht Maud, 143)

Es folgen noch zwei Sinndeutungen: Maud zitiert die Aussage ihres Pfarrers, der einen Sinn in ihrem Unfall und ihrer Erblindung behauptet, den Maud nicht entdecken kann – und Leander stellt fest:

„Für mich“, antwortet Leander, um Mauds düstere Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, „liegt der Sinn darin, dass wir dadurch die Möglichkeit hatten, uns besser kennenzulernen, aber Gott hat damit ganz und gar nichts zutun, das sind nur meine Hormone.“ (Marfaing, Leander und Maud, 144)

Und damit ist der Gottes-Moment vorbei. Nicht einmal am Ende des Romans, als Maud Leander von ihrem geplanten Suizid erzählt, endlich mit ihm schläft – und Leander den Suizid erfolgreich sabotiert, wird der Faden aufgenommen. Er reicht gerade an die Schwelle der Theodizee, weiter nicht.

 

Für mich reicht der Faden ein wenig weiter: einige weitere Texte, die urplötzlich und weitgehend folgenlos die Gottesfrage einspielen, werde ich in nächster Zeit kurz vorstellen.

Geschenke zur Erstkommunion und weiteren Gelegenheiten – eine kleine Empfehlungsliste

Biesinger, Albert (Hg.) (2007): Gibt’s Gott? Die grossen Themen der Religion ; Kinder fragen – Forscherinnen und Forscher antworten. Unter Mitarbeit von Mascha Greune. München: Kösel.
Biesinger, Albert; Greune, Mascha (2011): Woher, wohin, was ist der Sinn? Die grossen Themen des Lebens ; Kinder fragen – Forscherinnen und Forscher antworten. München: Kösel.
Biesinger, Albert; Greune, Mascha (2013): Was macht Jesus in dem Brot? Wissen rund um Kirche, Glaube, Christentum. München: Kösel (Kinder fragen – Forscherinnen und Forscher antworten).
Biesinger, Albert; Kohler-Spiegel, Helga; Hiller, Simone (Hg.) (2014): Warum dürfen Adam und Eva keine Äpfel essen? Kinderfragen zur Bibel – Forscherinnen und Forscher antworten. Unter Mitarbeit von Mascha Greune. München: Kösel.
Boie, Kirsten (2012): Der Junge, der Gedanken lesen konnte Ein Friedhofskrimi. Unter Mitarbeit von Regina Kehn. Hamburg: Oetinger.
Boie, Kirsten (2014): Warum wir im Sommer Mückenstiche kriegen, die Schnecken unseren Salat fressen und es den Regenbogen gibt. Eine Geschichte von Noah und seiner Arche zu „Variationen über ein Thema von Haydn“ von Johannes Brahms. Unter Mitarbeit von Peter Kaempfe. Hamburg: Jumbo (SWR Young CLASSIX).
Boie, Kirsten (2015): Warum wir im Sommer Mückenstiche kriegen, die Schnecken unseren Salat fressen und es den Regenbogen gibt. Eine Geschichte von Noah und seiner Arche. Unter Mitarbeit von Regina Kehn. Neue Ausg. Hamburg: Jumbo.
Cottrell Boyce, Frank (2012): Der unvergessene Mantel. Hamburg: Carlsen.
DiCamillo, Kate; Ludwig, Sabine; Campbell, K. G. (2014): Flora & Ulysses. Die fabelhaften Abenteuer. München: Deutscher Taschenbuchverl. (dtv junior).
DiCamillo, Kate; Spranger, Nina; Ludwig, Sabine (2003): Winn-Dixie. München: Deutscher Taschenbuch (dtv junior, 70771).
Hub, Ulrich; Hanushevsky, Stefko; Pichler, Chris (2013): An der Arche um Acht [Tonträger]. Hörspiel ab 6 Jahren Ulrich Hub. HR2 Kultur. Es spielen erster Pinguin Stefko Hanushevsky ; zweiter Pinguin Chris Pichler ; dritter Pinguin Lars Rudolph … Regie Andrea Getto. Dramaturgie Ursula Ruppel. Frankfurt am Main [u.a.]: Fischer.
Hub, Ulrich; Mühle, Jörg (2013): An der Arche um Acht Ulrich Hub. Mit Ill. von Jörg Mühle. Mannheim: Sauerländer.
Petit, Xavier-Laurent (2014): Mein kleines dummes Herz. Hamburg: Dressler.
Richter, Jutta (2001): Hinter dem Bahnhof liegt das Meer. München: C. Hanser.
Richter, Jutta (2015): Der Hund mit dem gelben Herzen. Unter Mitarbeit von Susanne Janssen. München: Hanser, Carl.
Ryan, Pam Muñoz; Sís, Peter (2014): Der Träumer. Hamburg: Aladin.